Große Teile von Chiapas liegen in den Bergen. Um aber vom Hochland in Oaxaca zum Hochland in Chiapas zu kommen, muss man aber runter auf Meereshöhe. Zwischen Tehuantepec und Arriaga kommen wir nochmal mächtig ins Schwitzen. Hier liegt auch die schmalste Stelle Mexikos. Den Golf und den Pazifik trennen hier nur etwas mehr als 200 Kilometer Land. Zwei Meere und ein relativ flacher Landstreifen führen zu mächtig viel Wind, der hin und wieder auch den ein oder anderen LKW kippen lässt. Als wir durchfahren, ist es verhältnismäßig ruhig, und die hunderten von Windrädern zu beiden Seiten der Straße ziehen gemütlich ihre Runden.
Tuxtla Gutierrez
Tuxtla liegt auf 600 Metern über dem Meer. Das ist so hoch, dass es die meiste Zeit des Tages erträgliche Temperaturen hat. Als wir am Nachmittag ankommen, gönnen wir uns trotzdem erst einmal ein Eis zur Abkühlung. Zum Glück gibt es hier quasi überall Eisdielen. Unser Favorit ist bisher La Michoacana. Hier gibt es entweder Eis als Kugeln oder am Stiel, die Paletas. Letztere gibt es in unzähligen Sorten, entweder als Wassereis oder als Milcheis. Mein Favorit bisher ist Keks-Limone. Wenn man die richtige Sorte wählt, sind sogar echte Früchte mit drin. Paletas, vor allem die Wasser-Variante, gibt es quasi überall auch von Händlern auf der Straße.
Am Nachmittag parken wir am Parque de la Marimba. Ein Marimba ist eine Art Xylophon. Professionell gespielt in einer Band mit Gitarren und Schlagzeug hat es nichts mehr mit dem zu tun, was man in der Grundschule im Musikunterricht so verbrochen hat. Tuxtla ist das Zentrum der Marimbas, und hier im Park finden von Donnerstag bis Sonntag im Sommer jeden Abend kostenlose Konzerte statt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich zum Abend hin der Park immer weiter mit Menschen füllt. Eigentlich wollten wir nochmal umparken, aber jetzt bleiben wir einfach hier stehen. Wir hören dem Konzert zu, schauen den Leuten beim Tanzen zu und genießen, wie alle anderen, einfach den lauen Sommerabend.
Am nächsten Morgen geht es früh raus. Nördlich von Tuxtla hat der Sumidero einen Canyon in die Landschaft gegraben. Man kann entweder mit dem Boot über den Fluss fahren und von unten die Steilhänge anschauen oder man schaut von den oben gelegenen Aussichtspunkten hinunter auf den Fluss. Wir entscheiden uns für letzteres und verbinden das Ganze mit einer Fahrradtour. Der Parque Mirador Cañon del Sumidero besteht aus einer Straße, von der insgesamt fünf Aussichtspunkte abgehen und in einer Sackgasse endet. Für Autos ist die Straße ab 10 Uhr geöffnet und kostet 125 MXN pro Person. Ab 6 Uhr morgens sind die Tore bereits für Sportzwecke für Fußgänger und Radfahrer geöffnet; bis 10 Uhr muss man dann aber wieder draußen sein. Bis zum ersten Aussichtspunkt nach 2,5 Kilometern ist recht viel los, wir sehen vor allem Fußgänger und wenige Fahrräder. Wir fahren die ganze 17 Kilometer lange Strecke bis zum letzten Aussichtspunkt. Die Länge ist nicht das, was uns zum Schwitzen bringt, sondern die 830 Höhenmeter, die es bis zum Rand des Canyons zu bewältigen gilt. An verschiedenen Aussichtspunkten machen wir kurze Zwischenstopps und bestaunen den Abgrund, der sich vor uns auftut. Auf dem Rückweg können wir dann einfach den Berg runterrollen. Es kommen uns dann doch noch ein paar Mountainbiker entgegen. Es gibt hier auch einen ausgewiesenen Mountainbike-Trail. Wer gerne eine Runde Frühsport macht, kann das hier direkt mit dem Sightseeing verbinden.
San Christobal
Von Tuxtla nach San Cristóbal geht es nochmal 1500 Meter in die Höhe. Ähnlich wie in Oaxaca hat sich durch die abgeschiedene Lage hier ebenfalls die indigene Kultur erhalten und wird gepflegt. Über der Stadt thront der Templo de San Cristóbalito auf einem Hügel. Die meisten Häuser im Stadtzentrum sind in Sand-, Rost- und Ocker-Tönen gestrichen und erzeugen so ein warmes, einladendes Ambiente. Die Innenstadt lädt zum Schlendern ein. Vom Zócalo geht eine Fußgängerzone rüber zum Templo de Santo Domingo de Guzmán. Im alten Konvent gibt es ein Textilmuseum und direkt angrenzend einen Artesanía- und Textilmarkt. Hier sollte man aber aufpassen, dass man sich nicht irgendeinen billigen China-Import andrehen lässt. Es gibt einige Kooperativen in den umliegenden Dörfern, die wirklich lokale handgefertigte Textilien anbieten.
Chamula
Touristen kommen regelmäßig in die Dörfer rund um San Cristóbal, aber die Bewohner sind auch sehr auf ihre Privatsphäre bedacht. Deshalb fahren wir mit dem Collectivo von San Cristóbal ins Dorf. Die Kirche am Dorfplatz ist von außen gerade neu gestrichen worden und die Blumen ornamente leuchte in bunten Farben.
Die Frauen von Chamula tragen traditionell schwarze Schafwollröcke. Je länger die Fransen an den Röcken sind, desto teurer der Rock und desto höher die gesellschaftliche Stellung der Frau. Die breiten Stoffgürtel, mit denen die Stoffe zum Rock festgebunden werden, eignen sich hervorragend, um das Smartphone zu verstauen. Tradition und Moderne müssen keine Gegensätze sein, manchmal harmonieren sie auch wunderbar. Für die Männer werden aus der weißen Wolle Westen gefertigt, die sie mit Stiefeln und Sombreros kombinieren.
Wir sind genau heute nach Chamula gefahren weil ein Festival im Dorf Stattfindet. Das Bats’i-Fest ist ein Musik-, Kultur- und Rockfestival mit lokalen Kunst- und Musikgruppen. Die Gruppen singen gar nicht oder nicht nur auf Spanisch, sondern in den indigenen Sprachen wie Tsotsil. Auch die Moderation des Festivals wird zweisprachig gemacht. Wir sehen die halbe Show einer Gruppe direkt aus Chamula. Yibel singt ausschließlich auf Tsotsil, bezeichnet ihren Stil als Maya Rock und macht richtig gute Musik. Da die gesamte Veranstaltung mit Verspätung beginnt und die Vorstellung aller offiziellen Gäste sich dann nochmal zieht, können wir leider nur die erste Gruppe sehen. Wir hatten gefragt, wann das letzte Collectivo fährt, und standen dumm da, als eine halbe Stunde vorher schon alle weg waren. Irgendwann finden wir noch ein Taxi, in das wir mit einsteigen dürfen, um zurück nach San Cristóbal zu kommen. Gern hätten wir noch die anderen Bands gesehen. Der Soundcheck am Nachmittag war vielversprechend.
Bundesstraße 199
Von San Cristóbal gibt es zwei Routen nach Palenque. Entweder fährt man über Villahermosa in Tabasco oder man nimmt die 199 durch die Berge. In den letzten Jahren wurde allen Reisenden geraten, die deutlich längere Route über Villahermosa zu nehmen. Auch Reisegruppen vermieden die Route über die 199. Der Grund sind linke Unabhängigkeitskämpfer/Guerillagruppen wie die EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) und die EPR (Partido Democrático Popular Revolucionario-Ejército Popular Revolucionario), die die Regierung aus der Region gedrängt haben und die Dörfer für unabhängig erklärt hatten. Dies ging einher mit Straßensperrungen, Wegzoll und einer insgesamt unübersichtlichen und angespannten Lage. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizei, Militär und den autonomen Gruppen. Ideologisch berufen sich die Zapatista auf den Sozialismus mexikanischer Prägung, den Emiliano Zapata zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt hat. “Zapata vive, la lucha sigue” – “Zapata lebt, der Kampf geht weiter” – ist ein Spruch, den wir schon auf der sozialistischen Parade in Oaxaca gehört hatten.
Seit Dezember 2024 ist Oscar Eduardo Ramírez Aguilar Gouverneur von Chiapas. Er repräsentiert ein linkes Parteienbündnis. Die Lage in Chiapas und entlang der 199 hat sich seitdem deutlich entspannt und verbessert. Wir haben in San Cristóbal bei der Guardia Nacional und in der Touristeninformation gefragt, ob es derzeit sicher ist, die Straße zu befahren, und beide haben gesagt, dass es keine Probleme gibt. Mit der zusätzlichen Versicherung von Pepe in Ocosingo, dass es nicht gefährlich sei, die Route zu nehmen, entschließen wir uns, den direkten Weg in Richtung Palenque zu nehmen.
Was uns auch alle gesagt haben, ist, dass es auf der Strecke gefühlt eine Million Topes gibt. Diese kleinen Fahrbahnerhöhungen, die die Leute zum Abbremsen bringen sollen. Das wird sich bewahrheiten. Es gibt sie hier in allen Varianten. Die offiziellen, die breit, flach im Anstieg und farblich markiert sind, und die inoffiziellen, die kurz sind und fast senkrecht aus der Fahrbahn ragen und nicht angemalt sind. Entlang der Strecke sieht man viele Händler in neu gebauten Ständen; auch mehrere Rohbauten von Wohnhäusern und Kirchen sind zu sehen. Die wenigen Checkpoints, durch die wir durchkommen, sind alle offiziell von der Polizei oder der Armee, und wir werden einfach durchgewunken. Es kommen uns auch ein paar Kleinbusse für Touristen entgegen, und generell ist relativ viel Verkehr auf der Straße.
An vielen Stellen gibt es aber noch Plakate oder Wandgemälde der EZLN oder anderer Gruppen. Man sollte auch nicht blindlings in irgendeines der angrenzenden Dörfer fahren.
Für den Moment (August 2026) scheint es für Reisende kein Problem zu sein. Man sollte aber trotzdem in Palenque oder San Cristóbal mal nachfragen, wie derzeit die Lage ist.