Diverti Granja
Don Victor betreibt in der Nähe von Nazareno Etla einen kleinen Gnadenhof. Wer jetzt an Pferde, Schweine und Federvieh denkt, wird nicht enttäuscht. Überall laufen Hühner, Enten und Truthähne umher. Auch ein Pferd trabt über das Gelände, und das Schwein ist hier gelandet, weil es irgendwann der Wohnung seiner Vorbesitzer entwachsen ist.
Dazu gesellen sich aber auch noch ein paar andere Tiere. Barbara ist ein drei Meter langes Krokodil und dümpelt meistens in ihrem Teich herum. Der Klammeraffe Elvira ist wie Barbara in einem Käfig untergebracht, hat dort aber viel Platz und ist einer von Victors Lieblingen.
Victor sitzt im Rollstuhl und ist deshalb bei der Bewirtschaftung und Instandhaltung des Hofs auf Freiwillige angewiesen. Die kommen meist über Plattformen wie workaway und bleiben einige Wochen auf dem Hof.
Reisende wie wir sind eher selten und bleiben kürzer. Victor möchte aber ein paar Stellplätze anlegen und hofft, dass die Leute dann etwas Geld dalassen, von dem er Baumaterial oder Pflanzen kaufen kann.
Zusammen mit uns kommen noch drei andere Freiwillige an. Das sind für Victor schon fast zu viele Leute auf einmal, da er dann zu sehr damit beschäftigt ist, mit einem Rollstuhl mit zusätzlichem Frontmotor über den Hof zu düsen, um alle beschäftigt zu halten.
Es ist aber eine tolle Gruppe und wir werden die nächsten Tage gemeinsam Bäume pflanzen, Agaven umsetzen, Küken und kleine Katzen einfangen, das Grünzeug im Krokodilgehege stutzen und in der Bar nebenan die Halbfinalpartien der Fußball-WM schauen.
An einem Nachmittag schüre ich noch den Lehmofen an und wir machen Pizza und feiern zusammen, dass Simon, der Panda und ich ein Jahr unterwegs sind.
Oaxaca de Juarez
Dort, wo heute die Stadt steht, wurde schon immer gesiedelt. Zunächst von den Zapotec und den Mixtec, bei denen es wie in jeder Nachbarschaft auch mal nicht ganz freundlich zuging. Die ersten Spanier erreichten das Gebiet 1521, und nach der mexikanischen Unabhängigkeit 1821 bekam die Stadt ihren Namen Oaxaca. Den Zusatz de Juarez erhielt sie zu Ehren von Benito Juarez, dem ersten Zapotec-Präsidenten Mexikos, der in der Stadt seine Karriere begann.
Der Bundesstaat Oaxaca und vor allem die Region um Oaxaca de Juarez gelten als diejenige, in der es der Bevölkerung am besten gelungen ist ihre Kultur zu beahren. Der kolonialistisch Spanische Einfluss ist hier deutlich geriner als im Norden. Das hat viel mit der Topographie zu tun. Viele der kleinen Bergdörfer sind auch heute noch schwer zu erreichen. So bewahrt und kultiviert Oaxaca seinen Schatz an vielfältigen Bräuchen, Tänzen, Sprachen und Kulturen.
Die beste Bandbreite dieser Kulturen kann man im Juli erleben, wenn zum Guelaguetza aus allen Landesteilen Gruppen in die Stadt kommen und einen ganzen Monat Tanz, Musik und Essen feiern. Wir landen mittendrin und sind begeistert von der riesigen Party in der Stadt.
2006 kam es nach einem Lehrerprotest, in dem auch die Absetzung der Regionalregierung gefordert wurde, zu Polizeigewalt. Es bildete sich die Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca, die einige Zeit später eine Bürgerregierung ausrief. In den folgenden Monaten wurden im gesamten Bundesstaat Universitäten und Regierungsgebäude besetzt. Es kam zu mehreren Zusammenstößen mit der Polizei und einigen Toten und Verletzten. Die Ausschreitungen dauerten mehrere Monate an. Ende November 2006 kam es nach einer Demonstration zu massiven Zusammenstößen, nach denen die Polizei ihre Maßnahmen drastisch verschärfte. Anfang Dezember wurde eine Gruppe von Anführern der APPO verhaftet und die Proteste endeten.
Die Stadt selbst hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen immer schneller werdenden Wandel erlebt. Der Tourismus hat zugenommen und auch immer mehr Expats lassen sich in der Stadt nieder. Das treibt wie in vielen Städten die Lebenshaltungskosten in die Höhe und führt zu Gentrifizierung ganzer Stadtteile. Aus den Protesten von 2006 gingen auch mehrere Künstlerkollektive hervor, die auch heute noch aktiv sind. Diese greifen die sozialen Probleme in der Stadt immer wieder in ihrer Kunst auf. Wer mit offenen Augen durch die Stadt läuft, wird ihre Werke überall finden. Einige Werke gehen aber auch über Grenzen, indem sie den Kolonialismus relativieren oder mit Nahostthemen einfach antisemitisch sind.
Da Oaxaca de Juarez eingekeilt zwischen verschiedenen Bergketten liegt, war es lange Zeit sehr schwer, auf dem Landweg die Stadt zu erreichen. Für uns war es schwieriger, wieder wegzukommen. 2025 fegte Hurrikan Eric über die Region und löste mehrere Murenabgänge und Felsstürze aus, die Teile der Straßen 190 und 190D in Richtung Tehuantepec beschädigten. Über die Mautstraße 190D gibt es noch immer keine Verbindung zwischen den beiden Städten, da ein Tunnel eingestürzt ist. Anscheinend sind aber alle so beschäftigt, die Straße wieder befahrbar zu machen, dass niemand Zeit hatte, ein paar Schilder aufzustellen, dass die Straße irgendwann blockiert ist. Wir finden es noch früh genug heraus und müssen nur ein paar Kilometer zurück. Über die 190, die an manchen Stellen immer noch einspurig ist, kommen wir schließlich weiter nach Süden.
Monta Alban
Ein bisschen Touri-Kram muss dann doch sein. Wir wollen zum Monte Alban, hier haben die Zapotec vor circa 2500 Jahren den Berg abgetragen und auf dem Plateau eine Stadt errichtet.
Der Standort war gut gewählt, von hier aus kann man in die umliegenden Täler blicken und ist hoch oben gut geschützt vor möglichen Angreifern.
Ihren Höhepunkt erlebte die Stadt auf dem Monte Alban im Zeitraum 300 bis 700 nach Christus. Die Bewohner, vor allem Eliten und Priester, entwickelten auch ein Schrift- und Kalendersystem.
Warum die Stadt gegen 950 dann aufgegeben und von ihren Bewohnern verlassen wurde, bleibt ungeklärt. Die Lage auf dem Berg schützte die Anlagen vermutlich davor, für andere Bauten geplündert zu werden.
Den besten Blick über die Anlage hat man von dem höchsten Tempel am Südende. Wenn man die 42 sehr hohen Stufen hinaufgeklettert ist, hat man einen tollen Blick über den zentralen Platz und auf die umliegenden Tempel, Plätze und die umgebenden Täler. Man kann sich einen Guide nehmen, der über das Gelände führt und vermutlich noch mehr erzählen kann als das, was auf den Infotafeln steht. Wir sind einfach so über das Gelände geschlendert und haben es auf uns wirken lassen. Bevor wir zurück in die Stadt fahren, schauen wir noch im Museum vorbei. Es gibt dort einen Raum, der die moderne Form des Juego de Pelota beschreibt. Es erinnert etwas an Tennis in der Gruppe, ohne Schläger, stattdessen mit Handschuhen und Holzplatten. Von dem antiken Original ist noch ein Sportplatz auf dem Monte Alban erhalten geblieben.
Um zum Monte Alban zu kommen haben wir den Touristenbus genommen. Dieser fährt zu jeder vollen Stunde ab 8 Uhr morgens, falls nicht gerade Verkehrschaos herrscht. Der kleine Laden, in dem man die Tickets kauft, liegt in der Calle de Francisco Javier Mina nahe der Ecke mit der Calle de Gustavo Díaz Ordaz. Hin- und Rückfahrt kosten zusammen 130 MXN pro Person. Der Eintritt auf das Gelände kostet dann nochmal 210 MXN. Es lohnt sich, früh aufzustehen und den ersten Bus zu nehmen. Das hat mehrere Vorteile: erstens kommt dieser Bus ziemlich pünktlich und sammelt noch keine Verspätung ein, zweitens ist man dann vor den Bussen der organisierten Touren oben und es sind noch nicht zu viele Menschen auf dem Gelände. Drittens wird man so früh morgens noch nicht gebraten, auf dem Gelände gibt es sehr wenig Schattenplätze. Zu guter Letzt hat man etwas Zeitpuffer nach hinten, denn die Busse fahren nicht immer pünktlich zurück.
Guelaguetza
Im Juli ist Guelaguetza-Zeit. Einen Monat lang gibt es überall in der Stadt und in den umliegenden Dörfern ein riesiges Kultur-, Musik- und Essensfestival. Die gesamte Innenstadt von Oaxaca de Juarez ist ein einziges Sammelsurium aus Bühnen, Artesanía-Ständen und Streetfood. Innerhalb des Festivals gibt es immer wieder kleine Events, die sich auf einzelne Themen spezialisiert haben. Das Apfel-Fest, das Mole-Fest oder das Mezcal-Fest. Wir versuchen, nicht irgendwas rauszupicken, sondern lassen uns einfach treiben und landen so bei zwei Paraden und noch einem großen Feuerwerk. Geböllert wird hier eh den ganzen Tag, und auch bei den Paraden wird oben auf den großen weißen Stoffballons einiges an Pyrotechnik abgebrannt.
Die Stimmung ist ausgelassen und sehr positiv. Die Leute haben einfach eine gute Zeit und es sind auch viele Familien mit Kindern unterwegs. Dadurch, dass es überall in der Innenstadt gleichzeitig Veranstaltungen gibt, ballt es sich auch nie an nur einem Ort.
Es gibt im Bundesstaat Oaxaca insgesamt acht Regionen. Jede Region präsentiert hier und auf den Festivals in den Dörfern ihre Tänze und Kultur. So entsteht ein unglaublich vielfältiges und buntes Programm, bei dem man ständig etwas Neues entdeckt.
Einen Abend kommen wir am Zócalo vorbei und sehen neben der Kathedrale einen quema del castillo. Das Schloss ist ein ca. acht Meter hohes Metallgerüst, an dem mehrere frei bewegliche Räder und andere bewegliche Elemente angebracht sind. Nach und nach werden die verschiedenen Abschnitte über Zündschnüre gestartet. Mit viel Funkenflug und farbiger Pyrotechnik werden die Räder mit verschiedenen Motiven in Bewegung gesetzt.
An der Bühne zieht gerade mal wieder eine Parade vorbei, die sich nicht wesentlich von der am Tag davor unterscheidet. Allerdings ist das Programm auf der Bühne deutlich politisch eingefärbt.
Hammer und Sichel wehen auf einer Fahne und die Genossen stimmen immer wieder Marsch- und Kampfrufe für die verschiedenen Regionen an. Ich sage noch zum Spaß, dass sie bestimmt gleich auch noch die Internationale singen werden, und tatsächlich wird vor dem Zünden des Feuerwerks zusammen gesungen.
Einige wenige um uns herum singen enthusiastisch mit, aber die Mehrzahl ist wohl ausschließlich wegen der Feuershow hier und weniger wegen des politischen Programms.
An den beiden letzten Montagen im Juli gibt es dann die große Tanzshow im Amphitheater oberhalb der Innenstadt. Die Karten dafür sind schon Wochen im Voraus restlos ausverkauft. Das Guelaguetza gibt es schon seit vorspanischen Zeiten. Als mehr und mehr Touristen für die Feierlichkeiten in die Stadt kommen und die Verwaltung die Einnahmechancen erkennt und weiter ausbaut, kommt es vermehrt zu Konflikten zwischen der Verwaltung und den verschiedenen Gruppen. Nach den Protesten von 2006 gab es wohl kleinere Änderungen und weniger offene Konflikte, aber der Kampf um die Deutungshoheit über das Fest ist noch nicht beendet.
Essen
Wer Spaß daran hat, sich durch verschiedenste Gerichte zu essen, ist in Oaxaca genau richtig. Nicht nur während des Guelaguetza-Festivals kann man sich hier durch ganz verschiedene Geschmäcker testen. Chapulines, Mole in verschiedenen Farben, Tlajudas, Tejate, Cacao – die Möglichkeiten scheinen unendlich. Von Leuten, die außerhalb der Stadt leben, haben wir gehört, dass das Essen in der Stadt so teuer wäre. Das sollte man relativ sehen. Wir haben in der Regel für zwei Hauptgerichte und alkoholfreie Getränke ungefähr 300 MXN bezahlt, das sind umgerechnet 15 EUR.
Im Mercado 17 de Noviembre gibt es viele kleine Imbissstände, entweder mit langen Tischen davor oder man setzt sich direkt an den gekachelten Tresen. Hier gibt es für mich Mole Amarillo mit Hühnchen (eine Hühnersuppe mit Gemüse) und für Simon Quesadillas mit Chapulines, also Heuschrecken. Chapulines kann man eigentlich überall kaufen. Die Heuschrecken in verschiedenen Größen sind frittiert und anschließend meist scharf gewürzt. Sie sind auch kein Gag für Touristen wie die Skorpione in Mezcalflaschen, sondern einfach ein beliebter Snack. Wer Lust auf viel Fleisch hat, ist in der Calle Humeda richtig. Hier verkaufen Händler Würste, Fleischlappen oder was sonst noch vom Tier gegessen wird, und braten die Auswahl auf kleinen Holzkohlegrills direkt neben dem Stand. Damit ist auch klar, woher die Rauchgasse ihren Namen hat.
Für die Tlajudas entscheiden wir uns, einem Tipp zu folgen, den wir bei der Parade von einem Einheimischen bekommen haben. Das El Negro sollte unbedingt sein rassistisches Logo überarbeiten, ist aber ein beliebtes Lokal mit einer großen Tanzfläche in der Mitte, um die sich die Tische verteilen. Tlajudas basieren auf riesigen, sehr dünnen Maisfladen mit einem Durchmesser von deutlich über 40 cm. Diese werden mit Bohnenmus bestrichen und dann mit Gemüse und Käse belegt. Die ungeklappte Variante erinnert ein wenig an Flammkuchen. Man kann den Fladen dann aber auch wie ein Quesadilla zusammenklappen und nochmal auf den Grill oder eine heiße Plancha legen. Im Grunde sind Tlajudas vegetarisch, können aber um Fleisch ergänzt werden. Ich entscheide mich für eine Tlajuda enmolada. Hier ist anstatt Bohnenmus Mole Colorada drauf. Dazu gibt es noch Käse, aber leider haben sie das Gemüse weggelassen. Die Guacamole reißt es dann aber wieder raus. Nachdem wir schon gezahlt hatten, sagt uns der Kelner, wir sollten noch bleiben, denn es gibt gleich noch eine Tanzvorführung. So bleiben wir noch auf ein Getränk und schauen uns die Vorführung an. Während des Guelaguetza gibt es diese bestimmt täglich, ob die auch außerhalb der Festsaison stattfinden, müsste man erfragen.
Tacos gibt es natürlich überall in Mexiko, aber jede Region hat ihre eigenen Varianten. Nachdem wir uns einen Abend die Parade angeschaut hatten, brauchen wir noch was zu essen und landen eher zufällig bei Roy Tacos, einer kleinen lokalen Kette. Der Vorteil bei Tacos ist, dass man sie einzeln bestellt und einfach so viele nimmt, wie man braucht, um satt zu werden. Dabei kostet einer in der Regel zwischen 15 und 25 MXN je nach Füllung. Ich nehme einmal den Klassiker al pastor, Fleisch vom Drehspieß inklusive einem Stück Ananas, und einen vegetarischen. Simon entscheidet sich für ein Gericht. Dazu gibt es noch verschiedene Saucen und sogar ein bisschen Gemüse. Wir sind gerade noch rechtzeitig in den Imbiss abgebogen. 10 Minuten später gibt es keine freien Plätze mehr.
Viele denken bei Oaxaca an Cacao. Den gibt es hier in allen möglichen Formen auch als Getränk. Authentischer als die auch hier sehr beliebte heiße Schokolade ist Tejate. Ein Kaltgetränk aus geröstetem Mais, fermentierten Kakaobohnen, pixtle (geröstete Samen) und flor de cacao (Blüten). Das Ganze bildet, wenn man es mit Wasser vermischt und aufschlägt, eine Schaumkrone. Traditionell wird es ungesüßt in kleinen Schalen direkt am Stand getrunken. Wir holen uns in der Halbzeitpause des WM-Finals einen zum Mitnehmen im Plastikbecher und mit einem kleinen Schuss Zuckersirup, den kann man aber auch weglassen. Tejate schmeckt mehr nach Mais als nach Kakao und hat eine angenehme Röstnote. Das Beste ist, ohne Geschmackserwartung, einfach mal einen zu probieren. Uns schmeckt es jedenfalls.