Guadalajara
- Kirsten
- June 6, 2026
- stadt
Bosque de la Primavera
Wir fahren von Westen aus in Richtung Guadalajara. An diesem Nachmittag machen wir kurz vor der Stadt noch einen Stop im Bosque de la Primavera. Der Campingplatz ist zwar geschlossen, aber für ein paar Pesos können wir im Picknickbereich parken. Nach einer Siesta ziehen wir die Laufschuhe an und wollen noch herausfinden, wie warm der warme Fluss (Río Caliente) wirklich ist. Wir joggen durch den Wald und kommen zu einem Fluss, der tatsächlich eine angenehme Badewannentemperatur hat. Auf dem Rückweg bekommen wir aber erst einmal eine Dusche. Grandios, ich liebe es. Endlich vernünftige Temperaturen – und dann noch Regen. Was will man mehr? Am nächsten Morgen parken wir den Panda um und spazieren den Rest des Weges wieder zum Fluss. Wir genießen ein warmes Bad, bevor es weiter in die Stadt geht.
Guadalajara
Guadalajara ist eine Millionenmetropole und die größte Stadt im Bundesstaat Jalisco sowie eine der größten in Mexiko. Momentan ist sie vor allem als einer der Austragungsorte der Fußball-WM bekannt. Anfang des Jahres stand die Region in den Schlagzeilen, weil sie nach der Festnahme und dem Tod von „El Mencho“, dem Boss des Jalisco-Kartells, für ein Wochenende im Ausnahmezustand war. Wir erleben eine aufgewachte, chaotische Stadt in Vorfreude auf die WM. Es gibt viel zu entdecken in Guadalajara: Architektonisch vor allem die Kathedrale und den historischen Teil der Innenstadt, kulturell den Nationalsport von Jalisco, die Charrería, und kulinarisch auch das ein oder andere Abenteuer. Was man allerdings auch nicht ignorieren kann, ist, dass an allen großen Plätzen und belebten Straßen der Stadt vermisste Plakate hängen. Zum größten Teil sind darauf junge Männer abgebildet.
Copa del Mundo
Guadalajara ist einer der Spielort der Fußball-WM. In ein paar Tagen findet hier das zweite Spiel der WM statt: Südkorea gegen Tschechien. Die Fanmeile am Plaza de la Liberación vor der Kathedrale ist noch nicht eröffnet, und überall werkeln noch Arbeiter, während die Techniker die Videowände und Soundanlagen testen. Überall werden Fußballtrikots verkauft. Das der mexikanischen Nationalmannschaft ist mit Abstand das beliebteste. Man kann sich aber auch einmal rund um den Globus einkleiden. Wir werden jetzt auch immer wieder gefragt, ob wir wegen der WM hier in Mexiko sind. Ich denke, das wird eine riesige Party, sobald die Spiele losgehen – hoffentlich bleibt Mexiko möglichst lange dabei. Der Nachteil an der Fanmeile ist, dass wir nicht wirklich auf den großen Platz vor der Kathedrale gelangen oder hineinkommen. Bei so vielen Absperrzäunen versuchen wir gar nicht erst, den Eingang zu finden.
Cinema Live
Am Wochenende ist für ein Abendprogramm auch gesorgt. Wir wollen schon seit bestimmt zwei Jahren mal wieder ins Kino. Erst hatten wir keine Zeit, dann lief nichts Vernünftiges, und unterwegs haben wir das Geld in die Reparaturen des Pandas gesteckt. Jetzt gibt es aber die Chance, dank Cinema Live. Open-Air und kostenlos wird im Parque Alcalde der Film „DC League of Super-Pets“ / „DC Liga de Supermascotas“ gezeigt. Für diesen animierten Kinderfilm reicht unser Spanisch. Mit einem Hot Dog als Abendessen setzen wir uns zu mehreren Gruppen und Familien auf die Wiese. Nach der Hälfte des Films fängt es an zu regnen, und die Veranstaltung wird abgebrochen. Wenn sie vorher nicht so viel Werbung gezeigt hätten, hätten wir den Film vielleicht noch durchbekommen. Aber irgendwie muss sich dieser Verein ja finanzieren. So haben wir zumindest einen halben Film gesehen.
Einkaufen als Sightseeing
Wir könnten den Samstagvormittag nutzen, um die Sightseeing-Punkte abzuklappern, oder wir stürzen uns einfach mitten rein ins Leben. Es wird letzteres. Am Abend zuvor haben wir die Fahrradwege gesehen, die in die Innenstadt führen, und entscheiden uns nun, rein zu radeln, statt wieder zu laufen. Am Plaza de San Juan de Dios lassen wir die Räder stehen. Hier befindet sich der Mercado San Juan de Dios oder Mercado de Libertad, wie er offiziell heißt. Hier gibt es so gut wie alles. Kein Wunder: Mit 40.000 m² ist er der größte überdachte Markt Lateinamerikas. Je nachdem, in welcher Ecke des dreistöckigen Gebäudes mit Innenhof man sich gerade befindet, bekommt man Schuhe, Sättel, Kunsthandwerk, Küchenutensilien, lebende Tiere oder etwas zu essen. Eine andere Möglichkeit ist, dass man sich endlos verirrt und nie wieder das Tageslicht sieht, zumindest fühlt es sich zwischenzeitlich so an. Wie der Markt sind in der gesamten Innenstadt die Läden thematisch sortiert. In einer Straße gibt es Schmuck, in der nächsten Abendmode, und ein Stück weiter eine ganze Straße voller Elektronikläden. So etwas findet man in Deutschland wirklich nicht mehr. Läden, in denen die Wände mit kleinen Schubkästen zugestellt sind, in denen man alles vom Widerstand über Potentiometer und Schalter bis zum Mikrocontroller bekommt. Einzelne Teile werden ohne Mindestabnahmemenge verkauft. Hier kommen wir an zwei neue Dioden für das kaputte Solarpaneel.
La Vía Recreativa Nocturna
Jeden ersten Samstag im Monat wird von 19 bis 23 Uhr die Straße zwischen der Glorieta de La Minerva und dem Platz San Juan de Dios für den Autoverkehr gesperrt. Den Verkehr an den Querstraßen regeln Freiwillige. Man kann also nicht mit dem Fahrrad oder auf Inlineskates die 5 km durchziehen, aber so viel Platz zum Skaten, Fahrradfahren oder Laufen hat man sonst nicht in Guadalajara. An der Straße gibt es Bühnen, Spielangebote und Stände. Es sind viele Menschen unterwegs, die es genießen, mal nicht auf den Autoverkehr achten zu müssen. Wenn man am ersten Wochenende des Monats in der Stadt ist, sollte man die Jornada Nocturna unbedingt nutzen.
Am frühen Nachmittag fand noch der Marcha del Orgullo statt, ein CSD. Zwischen der Glorieta La Minerva und der Glorieta Niños Héroes zieht ein sehr bunter Zug mit viel Musik von sehr gut gelaunten Menschen durch die Straßen. Während der Recreativa Nocturna am Abend kommt dann noch als Kontrastprogramm die Fronleichnamsprozession dazu. Hier wird eine geweihte Hostie von der Basílica del Santísimo Sacramento zur Catedral de Guadalajara getragen, und Hunderte Gläubige folgen. Dieser Umzug ist weniger bunt und etwas bedachter. Die Menschen sind aber genauso enthusiastisch bei der Sache wie auf der Parade zuvor und stimmen Gesänge und Sprechchöre an. Insgesamt sind tausende Menschen an diesem Samstag Nachmittag und Abend unterwegs. Auf der gesperrten Avenida Juárez mischen sich am Abend dann alle Gruppen friedlich durch. Wir treffen an diesem Abend vor der Kathedrale noch Naomi, die uns erklärt, was gerade überhaupt passiert. Als sie hört, dass wir morgen zum Charrería wollen, schließt sie sich spontan an, und wir verabreden uns für den nächsten Tag.
Charrería
Ein typischer Sonntagsausflug in Jalisco ist es, zum Charrería zu gehen. Typisch deutsch ist, dass wir pünktlich um 12 Uhr im Stadion sind, wirklich voll wird es erst 1,5 Stunden später. Auch Naomi kommt irgendwann dazu. Sie erklärt uns die Regeln und warum von den Rängen ständig Schuhe, Hüte und alles, was die Leute so bei sich haben, in die Arena fliegen.
Aber von vorne: Bei dieser Art des Rodeos treten zwei verschiedene Vereine gegeneinander an. Ein Team besteht aus mehreren Reitern, die in verschiedenen Disziplinen antreten. Alle tragen dabei traditionelle Kleidung inklusive Sombrero. Für uns sind die Teams dadurch quasi nicht zu unterscheiden. Irgendwann können wir es am Alter festmachen. Heute tritt das lokale Jugendteam der „Charros de Jalisco“ gegen ein Auswertsteam an, das Jungs im Grundschulalter dabei hatt. Übersetzt ist deren Teamname wohl „Die Milchzähne“. Die Pferde, die geritten werden, sind aber alle ungefähr gleich groß, sodass die kleinsten alleine keine Chance haben, aufzusitzen.
Damit die Verwirrung komplett ist: Das lokale Baseballteam heißt ebenfalls „Charros de Jalisco“. Wenn man nicht aufpasst, landet man also bei der falschen Sportveranstaltung. Allerdings kosten die Tickets beim Baseball deutlich mehr als die 60 MXN, die wir pro Person bezahlen.
Es gibt insgesamt neun Disziplinen, die von Juroren bewertet werden:
1. Cala de Caballo Beim Test des Pferdes wird geschaut, wie gut der Reiter das Pferd unter Kontrolle hat. Aus einem Galopp wird das Pferd in einer Vollbremsung zum Stehen gebracht. Danach folgen verschiedene Drehungen und Sprünge. Am Ende verlassen Pferd und Reiter rückwärts den Ring. Punkte gibt es für saubere Ausführung. Ein Reiter fällt vom Pferd, bringt die Übung aber zu Ende.
2. Piales en Lienzo Ziel hier ist es, ein wildes Pferd mit dem Lasso an den Hinterbeinen einzufangen und zu Fall zu bringen. Dabei muss das Lasso so geschwungen werden, dass das Pferd erst durch die Schlinge läuft und dann an den Hinterläufen gefangen wird. Der Charro steht dabei in der Arena und sitzt nicht auf seinem Pferd. Es gibt drei Versuche. Gewertet wird, wie schnell das Pferd zum Stehen kommt. Dieser Teil findet in dem rechteckigen Teil der Arena statt.
3. Colas en el Lienzo Bei dieser Disziplin sitzt der Charro auf seinem Pferd und reitet neben einem Bullen her. Er versucht, den Schwanz des Bullen zu greifen, ihn um sein rechtes Bein zu wickeln und so den Bullen zu Fall zu bringen.
4. Jineteo de Toro Das ist die Disziplin, die man vielleicht am klassischsten mit Rodeo verbindet: Bullenreiten. Bei den Männern haben die Tiere ungefähr 500 Kilogramm Gewicht und sind deshalb eher kleiner. Bei den Jugendlichen und Kindern wird entsprechend heruntergestuft. Hier muss der Charro so lange auf dem Bullen sitzen bleiben, bis dieser aufhört zu bocken. Im Anschluss muss er vom Bullen absteigen und die Stricke entfernen. Bei dieser Disziplin werden Schutzwesten getragen. Helme gibt es nicht.
5. Terna en el Ruedo Das ist die einzige Teamdisziplin bei den Männern. Der gerade gerittene Bulle muss nun wieder eingefangen werden. Der erste Charro fängt den Hals des Bullen mit dem Lasso ein, der zweite die Hinterläufe, und der dritte bindet dem dann liegenden Tier die Beine zusammen. Dafür haben die drei Charros maximal 10 Minuten Zeit.
6. Jineteo de Yegua Ähnlich zu Disziplin vier, nur mit einer Stute statt eines Bullen. Auch hier gilt es, auf dem Pferd zu bleiben, bis es aufhört zu bocken. Die Größe wird dem Charro angepasst.
7. Manganas a Pie Hier steht ein Charro im runden Teil der Arena mit seinem Lasso. Ein wildes Pferd wird im Kreis getrieben. Ziel ist es, das Pferd an den Vorderläufen zu fangen und zu Fall zu bringen. Es gibt drei Versuche in maximal acht Minuten. Punkte gibt es, wenn das Pferd zu Fall kommt, und für Tricks mit dem Lasso, die der Charro vor dem Werfen des Lassos zeigt.
8. Manganas a Caballo Ähnlich zu Nummer 7, nur dass der Charro diesmal auf seinem Pferd sitzt.
9. El Paso de la Muerte Die wohl spektakulärste Disziplin kommt ganz am Schluss. Ein ungezäumtes Pferd wird in der Arena im Kreis getrieben, der Charro reitet auf seinem Pferd nebenher und wechselt dann das Reittier.
Das hört sich jetzt erstmal ziemlich wild an, vor allem, weil hier ja Kinder und Jugendliche auf den Pferden sitzen. Die Abstufung im Schwierigkeitsgrad geht dann über die wilden Pferde und die Bullen. Für die Kinder gibt es statt mächtiger Stiere etwas abgemagerte Kühe. Wenn das Schwingen und Treffen mit dem Lasso etwas schwierig ist, wird die Kuh einfach festgehalten, bis das Lasso dort landet, wo es hin soll. Für die kleinen gibt es dann auch ein Fohlen zum Rodeoreiten und keinen wilden Hengst. Insgesamt sind die Fans aber sehr fair und unterstützen die Teams.
Womit wir wieder bei den fliegenden Schuhen und Hüten vom Anfang wären. Wenn eine Leistung besonders gut war, wird dies vom Publikum und den anderen Reitern damit honoriert, dass die Hüte in die Arena geworfen werden. Wer keinen Hut zur Hand hat, nimmt halt einen Schuh oder was auch immer gerade da ist: Handtaschen, Rasseln, Handys. Diese müssen dann erst einmal zurück auf die Ränge geworfen werden, bevor es weitergehen kann. Wir haben jetzt kein hochklassiges Duell zwischen zwei Topteams gesehen, aber so hatten wir zumindest Zeit, die Regeln zu verstehen. Bei einem Duell zwischen zwei Männerteams geht es bestimmt etwas hektischer zu.
Das Ganze ist ziemlich gefährlich und vermutlich nicht sehr tierfreundlich. Aber hier werden die Pferde zumindest nicht in Rollkur geritten, die Zügel hängen meistens ziemlich locker.
Tlaquepaque und Tortas Ahogadas
Naomi schlägt vor, noch nach Tlaquepaque zu fahren und Tortas Ahogadas zu essen. Auch das ist wieder eine typische Sonntagsnachmittagsbeschäftigung.
Tlaquepaque liegt 5 km südöstlich von Guadalajara und gehört zum Großraum der Stadt. Es ist bekannt für sein Kunsthandwerk, Bars und Restaurants. Es flanieren viele Familien durch die Straßen, und an einer Eisdiele geht die Schlange 20 Meter die Straße entlang.
Tortas Ahogadas sind ein typisches Gericht aus Guadalajara. Man nehme ein Brötchen, fülle es mit Fleisch und gieße großzügig würzige Tomatensauce darüber – fertig. Wer möchte, kann noch Chilis und Zwiebeln oben darüber streuen.
Man kann zwischen verschiedenen Sorten Fleisch wählen. Vielleicht wäre „verschiedene Teile“ korrekter, denn es ist alles vom Schwein.
Ich bleibe bei 100% Muskelfleisch und Simon traut sich an den Klassiker, eine Mischung aus allem.
In einigen Schnellrestaurants in Mexiko bekommt man den Teller in einer Plastiktüte verpackt. Das spart den Abwasch und macht definitiv weniger Müll als ein einmaliger Teller. Es ist aber auch etwas gewöhnungsbedürftig.
Zum Nachtisch gibt es noch ein Eis. Ich bin aber noch so voll, dass ich nur ein bisschen probiere und nicht eine ganze Portion nehme.
Axixic
Wir fahren am Nachmittag noch weiter nach Süden aus der Stadt raus. Am Nordufer des Chapala-Sees, dem größten von Mexiko, liegt Axixic. Auf der Karte findet man es allerdings unter der spanischen Schreibweise Ajijic. Es gibt einen schönen kleinen Dorfplatz und einen Malecón am See. Das Dorf scheint ein Ausflugsziel für die Städter zu sein, und es hat sich auch eine Expat-Community hier niedergelassen. Wir sind hier, weil man in dem Berg nördlich des Dorfes gut wandern kann. Die Ultra Trail México Series (UTMS) hat dieses Jahr den Ultra Axixic in ihre Tour aufgenommen. Informationen findet man allerdings nur zum Papalote Trail Axixic und typisch mexikanisch vor allem auf Facebook. Was wir herausfinden, ist nur, dass wir zu früh dran sind, um auch nur in die zeitliche Nähe eines dieser Rennen zu kommen.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf und steigen vom See aus Richtung Gipfel. Den La Chupinaya können wir nicht sehen, da er sich noch in den Wolken versteckt, aber den Wanderweg finden wir. Über einen Kreuzweg geht es zunächst bis zu einer kleinen Kapelle und dann immer weiter hinauf. Zwischendurch treffen wir einen Esel, der wohl etwas Salzmangel hat und begeistert Simons Arme abschleckt. Er wäre uns wohl bis auf den Gipfel gefolgt, wenn der Weg nicht ein Gatter gehabt hätte, durch das er nicht durchkam. Oben angekommen stehen wir im kompletten Nebel. Eine Aussicht gibt es nicht, dafür zumindest ein Picknick. Beim Abstieg können wir dann doch noch einen Blick auf den See werfen. Diese 968 Höhenmeter auf nur 11,5 km hätte ich aber bestimmt nicht laufen wollen oder können. Vor allem, wenn man bedenkt, dass schon der See auf 1.500 Meter über dem Meeresspiegel liegt.