Ontario

Oshawa und Toronto

In St. John’s, Neufundland, haben wir einen Tag auf einem Campingplatz gestanden. Beim Wäschewaschen haben wir Carla und Mauricio getroffen. Während die Maschinen waschen und trocknen, haben wir uns unterhalten. Am Ende geben die beiden uns ihre Kontaktinformationen und sagen, wir sollen vorbeikommen, wenn wir in der Nähe von Toronto sind. Wir überlegen eine Weile, ob wir das wirklich machen können – uns nach fast zwei Monaten melden und dann einfach vorbeikommen. Es werden tolle Tage in Oshawa und ein Ausflug nach Toronto.

Oshawa

Im Großraum Toronto ist es schwer zu sagen, wo die eine Stadt aufhört und die nächste anfängt. Oshawa liegt mit dem Zug eine Stunde vom Zentrum Torontos entfernt. Mit dem Auto kommt es auf den Verkehr an. Am Samstagmorgen machen wir einen Abstecher nach Whitby, dort gibt es einen Parkrun – eine schöne Strecke am Fluss entlang.
Zurück in Oshawa geht es noch zu einer Art Herbstmarkt auf dem Gelände des Parkwood Estate. Plötzlich stehen wir vor der „Dr. Xavier’s School for Gifted Youngsters“ aus den X-Men-Filmen. Allerdings steigt kein futuristisches Flugzeug auf, sondern es liegt der Geruch von Essen und Live-Musik in der Luft. Es gibt erst mal eine Runde Argentinische Empanadas, die nach Aussage von Mauricio auch authentisch sind und sie schmecken fantastischs. Wir streifen über den Markt – der letzte Schrei derzeit: gefriergetrocknete Snacks. Da gibt es nicht nur die Klassiker wie Himbeere oder Ananas, sondern auch Gewürzgurken. Bei denen gibt es dann aber einen Dissens ob die gut schmecken oder nicht.

Oshawa

Es gibt eine gut ausgestattete Werkstatt, und wir basteln noch den Rest des Tages und machen ein Upgrade für den Abwassertank und die Dusche. Ich nutze auch noch die Möglichkeit, einen Ofen zu benutzen, und mache Apfelstrudel. Der kommt bei unseren Gastgebern gut an, vor allem die Variante mit Kürbis. Die Bastel- und Backsession wird am Montag noch weitergehen. Mauricio und Simon haben so viel Spaß und finden immer weitere Projekte, dass wir unsere Abreise noch einen Tag nach hinten verlegen und ich noch einen Apfelkuchen draufsetzen kann. Begegnungen wie diese sind doch auch ein Grund warum wir Reisen. Vielen Dank and die ganze Familie für die Gastfreundschaft, tollen Gespräche und hilfreichen Tips.

Apfel

Toronto

Oshawa liegt als letzte Station an der Lake Shore East-Bahnlinie, die ins Zentrum von Toronto führt. Wir fahren mit den Fahrrädern zum Bahnhof und können sie kostenlos mit in den Zug nehmen. Wichtig ist, das Ticket unbedingt online zu kaufen, dann kostet das Wochenend-Tages-Ticket nur 10 CAD (6 €) mit GO Transit. Verbindungen ins Zentrum von Toronto gibt es überall in der Metropolregion sowie bis nach Niagara Falls. Die Fahrt dauert eine Stunde, und es fährt alle halbe Stunde ein Zug. So stehen wir am späten Vormittag mitten im Zentrum von Kanadas größter Stadt. Der CN Tower sticht markant zwischen den verschiedenen Hochhäusern hervor. Wir rollen erst mal zum Fluss und schauen, wie wir von A nach B kommen. Am Pier kann man auch mal eine Weile einfach sitzen und dem Treiben zu Land, zu Wasser und in der Luft zuschauen. Die Einflugschneise zum Flughafen für kleine Maschinen verläuft direkt über den Fluss, und auf dem Wasser fahren Ausflugssegler, kleine Yachten und Wassertaxis kreuz und quer.
Es gibt dieses Wochenende auch einen Herbstmarkt ein Stück weiter den Pier hinunter. Es gibt vor allem Essensstände und Angebote für Kinder. Kürbisschnitzen scheint mittlerweile zu gefährlich geworden zu sein – jetzt werden sie bunt angemalt. Wir radeln in den Stadtteil Kensington Market. Hier gibt es viele Restaurants und kleine Läden. Erinnert mich ein bisschen an Berlin-Kreuzberg. Es ist Sonntag, ziemlich voll, und wir lassen uns einfach mal treiben.

Street

Die Reizüberflutung kurieren wir dann im Queen’s Park hinter dem Ontario Legislative Building aus. Die Statue von Edward VII eignet sich wohl ziemlich gut zum Skaten. Eine Gruppe macht Videos von den neuesten Tricks, die aber noch nicht so ganz sitzen. Immer und immer wieder versuchen sie sich an dem Trick, den sie auf Band haben wollen, bis er dann endlich gelingt. Kurz bevor wir weiterfahren, trifft noch eine Jazz-Kombo ein und fängt an zu improvisieren. Das ist das Tolle an Städten: Man muss für das Unterhaltungsprogramm nichts ausgeben.

Bis jetzt sind wir mit den Rädern ganz gut durchgekommen. Auf manchen Straßen gibt es super Fahrradwege, wenn man dann aber mal abbiegt, steht man plötzlich wieder auf der Straße. Jetzt wollen wir noch zum Distillery District. Wir machen noch einen Abstecher, um uns das Royal Ontario Museum von außen anzusehen. Ist das Architektur oder schon Kunst? Der Weg weiter zum Distillery District ist dann ziemlich anstrengend mit dem Rad. Ständig verschwinden die Fahrradwege, und die Navigation ist auch nicht wirklich hilfreich. Das alte Industriegebiet mit seinen Backsteingebäuden wurde zur Einkaufs-, Restaurant- und Eventlocation umgebaut. Tatsächlich gibt es hier zurzeit ein Oktoberfest mit Bratwurst, Bier, blauen Rauten auf den Tischdecken und einem original deutschen Musiker. Wir verzichten und schlendern lieber durch die Gassen. Der Schaufensterbummel macht Spaß, und wir sind froh, dass wir nicht das Bedürfnis haben, ewig vor einem Laden (Bergo Designs) anzustehen, um überteuerten Deko-Krempel zu kaufen. Dafür kann man durch die Glasscheiben den anderen Leuten zuschauen, die es in den Laden geschafft haben.

Old

Zum Glück können wir auf dem Weg zurück Richtung Bahnhof wieder am Wasser entlangfahren. Das macht das Fahrradfahren deutlich entspannter. Wir halten noch beim Alexandros-Imbiss und laden die Akkus mit Pommes und Halloumi-Pita wieder auf. Der kleine Laden liegt eingeklemmt zwischen einem Parkhaus und einem Yachthafen und ist genau das, was wir nach einem Tag Toronto brauchen: simpel und lecker.

Bevor wir wieder in den Zug steigen, steht noch eine Sache auf der Liste: Wir wollen in den Torontoner Untergrund. Downtown Toronto ist komplett untertunnelt und damit meine ich nicht die U-Bahn. Man kann unterirdisch zwischen den wichtigsten Türmen hin- und herlaufen. Auch die Union Station ist an das System, das PATH genannt wird, angeschlossen. Natürlich sind die Wege nicht nur einfache Tunnel, sondern es ist quasi ein riesiges Shoppingcenter unterhalb von Downtown Toronto. Es ist Sonntagabend, und alle Geschäfte sind geschlossen, sodass das Ganze wie ein Flughafen mit Nachtflugverbot um drei Uhr morgens wirkt – nur ohne schlafende Touristen. Im Sommer erscheint das alles etwas abstrus. Wenn man dann aber liest, dass die Temperaturen im Winter auch mal gern auf -10 bis -20 °C fallen, ist so ein Tunnelsystem schon eine gute Alternative zur oberirdischen Straße.

Am Bahnhof müssen wir nicht lange auf einen Zug warten, der uns zurück nach Oshawa bringt. Würde ich Toronto noch mal mit dem Fahrrad machen? Eher nicht. Vermutlich würde ich eher auf den ÖPNV setzen – ob das dann besser ist, muss jemand anderes herausfinden.

Go Blue Jays

Im Zug zurück nach Oshawa sind deutlich mehr Menschen als erwartet. Das Baseballspiel ist aus, und fast alle tragen Baseball-Outfits in Blau. Ich oute mich als vollkommen ahnungslos, was Baseball angeht, und bekomme eine Kurzeinführung in das Spiel. Derzeit läuft die Postseason. In der Hauptsaison haben die Toronto Blue Jays die American League East gewonnen und sich so direkt qualifiziert. Jetzt spielen sie gerade im Best-of-five-Modus gegen die New York Yankees um den Einzug in die nächste Runde. Das Spiel heute (5.10.2025) war das zweite und wohl besonders gut. Mit 13 zu 7 besiegen die Blue Jays die Yankees in einem Spiel mit insgesamt sechs Home Runs (5–1 für die Jays), der Durchschnitt liegt bei 2,5 pro Spiel. Jetzt liegen die Blue Jays mit zwei gewonnenen Spielen vorne. Die nächsten beiden Spiele finden in New York City statt. Ich verfolge die Spiele im Live-Ticker und lasse mir von ChatGPT dabei die Regeln erklären. Die Blue Jays schlagen nicht nur die Yankees, sondern auch in der nächsten Runde die Seattle Mariners. Damit haben sie es zum dritten Mal in die World Series geschafft, das letzte Mal war es 1993. Gegen die Los Angeles Dodgers geht es dann bis ins siebte Spiel (Best-of-Seven), das die Jays leider verlieren. Ein legendärer Ball, der sich zwischen dem Boden und der Spielfeldbegrenzung im sechsten Spiel verkeilte war einer der Aufreger in der World Series 2025. Aber auch ohne diesen letzten Sieg war es eine extrem erfolgreiche Saison.

BlueJays