Ottawa und Gatineau Park
- Kirsten
- September 27, 2025
- geschichte natur stadt
Die Wahl Ottawas als Hauptstadt von Kanada war keine einfache. Nachdem mehrere Versuche zwischen 1841 und 1857 in Montreal, Quebec City und Toronto gescheitert waren, weil verschiedene Gruppen mit der Wahl nicht einverstanden waren, entschied das Parlament, Queen Victoria die Entscheidung zu überlassen. Eigentlich eine elegante Lösung, die Entscheidung nach oben zu delegieren, wenn man sich nicht einig werden kann – wozu hat man schließlich eine Königin. 1859 ratifizierte das Parlament den Vorschlag der Queen, das Parlament nach Ottawa zu verlegen. Die Staatsgeschäfte wurden dort dann 1865 aufgenommen. Ottawa spielte aber schon vorher in der kanadischen Geschichte eine wichtige strategische Rolle. Nach dem Krieg von 1812 zwischen den Vereinigten Staaten und den britischen Kolonien in Nordamerika wurde ein 202 Kilometer langer Kanal zwischen Ottawa und Kingston gebaut. Im Falle einer Blockade des St.-Lorenz-Stroms sollte so eine Verbindung zwischen den militärisch wichtigen Posten in Montreal und Kingston am Lake Ontario über den Ottawa-Fluss sichergestellt werden. Dieser Kanal mit seinen 46 Schleusen wird noch heute von Freizeitkapitänen genutzt. Damit wird er seit fast 200 Jahren befahren (Fertigstellung 1832) und ist ein befahrbares UNESCO-Weltkulturerbe.
Ottawa
Für uns ist dieser Kanal das Eintrittstor zu unserer Ottawa-Sightseeing-Tour. Allerdings nicht mit einem Boot auf dem Wasser, sondern über den Fahrradweg direkt daneben. Wir parken am Hog’s Back Park südlich der Innenstadt und steigen auf die Fahrräder um. Nach neun Kilometern auf wunderbaren Fahrradwegen entlang des Kanals stehen wir direkt am Parliament Hill. Die Fahrräder schließen wir an und machen zu Fuß weiter.
Der Einfluss der britischen Architektur auf das Parlamentsgebäude ist unübersehbar. Zusammen mit der Statue von Queen Victoria kann man sich kurz wundern, dass nicht der Union Jack über dem Gebäude weht. Parliament Hill thront auf einer Anhöhe über dem Ottawa-Fluss und beherbergt das kanadische Parlament sowie verschiedene Regierungsgebäude. Die großzügigen Parkanlagen laden zum Spazieren ein. Die Rückseite des Parlaments bietet nicht nur einen Blick auf die architektonisch wunderschöne Bibliothek, sondern auch hinüber zur Schwesterstadt Gatineau in Québec. Von hier aus kann man hinunter auf Flussniveau steigen und bis zur Mündung des Kanals in den Ottawa-Fluss laufen. Hier wird einem plötzlich bewusst, dass der Kanal auf nur 400 Metern über acht Schleusen 22 Höhenmeter überwinden muss. Wir nutzen eine der Schleusen, um auf die andere Seite des Kanals zu kommen. Auf der anderen Seite liegt die National Gallery of Canada mit einem tollen Skulpturenpark.
Dort stehen wir nun und schauen hinüber auf das von Baukränen gesäumte Parlament, als von hinten ein „Das kann doch nicht sein!“ kommt. Dass die Welt ein Dorf ist, war uns schon vorher klar, aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Bekannte aus den Gärten der Begegnung in Bayreuth in Ottawa treffen? Die beiden sind auf den Spuren vergangener Studentenjahre (vor mehreren Jahrzehnten) und fliegen am nächsten Tag zurück nach Deutschland. Wir streifen noch gemeinsam durch den Skulpturenpark und suchen und finden die prägnanteste Skulptur der Sammlung: Maman. Eine neun Meter hohe Spinne der Künstlerin Louise Bourgeois. Bei strahlendem Sonnenschein sieht sie beeindruckend aus, vor allem in Kombination mit der Notre-Dame-Kathedrale im Hintergrund. Mitten in der Nacht muss sie aber etwas schaurig sein – und nichts für Arachnophobiker. Wir laufen zurück zu den Fahrrädern und radeln zurück zum Auto, diesmal auf der anderen Seite des Kanals.
The Maple Leaf
Die Wahl einer Hauptstadt wurde ja an Queen Victoria delegiert. Für die Wahl einer eigenen Flagge ließen sich die Kanadier dann noch einmal mehr als 100 Jahre Zeit.
Seit den 1860er-Jahren wurde entweder der Union Jack oder das Canadian Red Ensign als Übergangslösung genutzt.
Nachdem sich auch in dieser Frage keine Mehrheiten im Parlament abzeichneten und ein Filibuster den Parlamentariern die Sommerferien ruinierte, wurde eine 15-köpfige Kommission (14 Männer, eine Frau) eingesetzt, die aus Tausenden von Vorschlägen einen auswählen sollte.
Die Kommission entschied sich schließlich einstimmig für ein Design. Nach einer Redeschlacht im Parlament fand sich dann schlussendlich eine Mehrheit, die die Hängepartie um eine eigene kanadische Flagge beendete.
Am 15. Februar 1965 wurden Union Jack und Canadian Red Ensign durch das Maple Leaf ersetzt.
Eines ist aber immer noch gleich geblieben: Das protokollarische Staatsoberhaupt ist der König oder die Königin des Vereinigten Königreichs. Bin gespannt auf die 2060er-Jahre – dann wäre das nächste Jahrhundert rum.
Gatineau Park
Eigentlich stand das nicht auf unserem Plan, aber nachdem uns mehrfach der Gatineau Park empfohlen wurde, machen wir noch einmal einen Abstecher zurück nach Québec. Wir wählen Old Chelsea als Ausgangspunkt aus. Der Parkplatz der örtlichen Verwaltung ist am Wochenende für die Öffentlichkeit freigegeben. Wir kommen am Samstagnachmittag an und können hier bis Montagmorgen 7 Uhr stehen bleiben. Am Vormittag sind einige der Straßen im Park für den Autoverkehr gesperrt – ein Paradies für Fahrradfahrer. Wir verfahren uns und finden den Pink Lake erst, nachdem wir die Räder 50 Meter durch einen Wald getragen haben. Es ist Wochenende und es ist voll, aber noch nicht überfüllt. Der Pink Lake ist tatsächlich in einem schönen Grün gehalten. Der Name stammt von den irischen Siedlern der 1820er-Jahre. Die Besonderheit des Sees befindet sich unter der Wasseroberfläche: Pink ist der See nur auf den unteren sieben Metern. Diese Schicht ist von rosafarbenen, photosynthetisch aktiven Bakterien geprägt, die anstelle von Wasser Schwefelwasserstoff oder Sulfit-Ionen zur Photosynthese nutzen. Somit wird auch kein Sauerstoff, sondern Schwefel freigesetzt. Die untersten sieben Meter des Sees sind deshalb frei von Sauerstoff und durch einen Bakterienteppich von der oberen, sauerstoffreichen Schicht getrennt. Durch die spezielle Topographie des Sees mischen sich die beiden Schichten nie. Ein fragiles System. Wir fahren noch etwas mit den Rädern durch den Park und steigen zu einem Aussichtspunkt hinauf, von dem aus man bis nach Ottawa schauen kann. Langsam wird es Herbst, und der Laubwald leuchtet in Gelb und Orange. Da wir am nächsten Morgen ohnehin früh raus müssen, um das Auto umzuparken, planen wir noch einen Lauf. Ich fühle mich wie zu Hause im Teutoburger Wald. Schöne Waldwege, bunte Blätter an den Bäumen und ein paar schöne Anstiege auf 24 Kilometern, die fast ohne Straßen auskommen. Hier kann man wirklich eine Pause zwischen den Großstädten einschieben.