Parlez-vous français?
Nein, wir sprechen kein Französisch. In Vorbereitung auf die Reise haben wir uns mehr mit Spanisch beschäftigt. Uns war klar, dass in Quebec Französisch gesprochen wird, aber dass der Übergang zwischen den Provinzen so scharf ist, hatten wir nicht auf dem Schirm.
Ab der Provinzgrenze ändert die Straße ihre Bezeichnung: Wir fahren nicht mehr auf der 500, sondern sind ab jetzt auf der 389.
Minen und Schotterstraßen
Nicht weit entfernt von Labrador City und nur 10 km hinter der Grenze nach Quebec liegt Fermont. Auch hier dreht sich alles um den Bergbau. Neben der Touristeninformation steht ein ausrangierter, aber herausgeputzter Kipplaster von der Größe eines Hauses. Das Zentrum bildet ein Meisterwerk der Architektur der 1970er Jahre. In The Wall, oder „Le Mur“, einem 1.300 m langen Gebäude, ist ein ganzes Dorf untergebracht: Wohnungen, ein Schwimmbad, eine Kita, ein Supermarkt, Läden, die Post und ein Waschsalon. Im Winter erreicht man alles warm und trocken – bei bis zu sieben Monaten Winter und Temperaturen deutlich unter −20 °C sehr praktisch. Außerdem ist das Gebäude so ausgerichtet, dass es als Windschild für die übrige Stadt dient. Wir waschen Wäsche, gehen einkaufen und übernachten dann auf dem für Camper ausgewiesenen Parkplatz etwas außerhalb der Siedlung, mit tollem Blick auf einen See und einen Hügel.
Verlässt man Fermont nach Westen, fährt man direkt in die Ausläufer des Tagebaus Mont-Wright. Man kann sowohl das große Loch im Boden erahnen als auch den Aushub sehen, der sich als künstliche Berge auftürmt. Schilder am Straßenrand warnen vor den riesigen Kippern, und am Straßenrand türmen sich die ausgemusterten Reifen mit mehr als 2 m Durchmesser. Hier beginnt auch der erste unbefestigte Straßenabschnitt mit 67 km Länge. Es ist aber keine tiefe Schotterpiste, sondern eher ein sehr gut verdichteter, zweispuriger Feldweg. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Wenn man von einem LKW überholt wird, sollte man am besten rechts ranfahren und abwarten, bis er vorbei ist. Den Fahrern sind die Geschwindigkeitsbegrenzungen nämlich genauso egal wie die Gefahr, dass sie einem ein Stein die Windschutzscheibe jagen. Bleibt die Frage, warum nach über 1.000 km durch Labrador ausgerechnet hier die Straße nicht ausgebaut wurde. Dabei gab es 2018 ein großes Projekt, um die 389 auszubauen.
Auf diesem Abschnitt erreichen wir auch den nördlichsten Punkt unserer Reise; bis zum südlichsten werden wohl viele Monate vergehen.
Gagnon
Hier lebten mal etwa 4.000 Menschen, vor allem Bergleute und ihre Familien.
Die Mine wurde von Ende der 1950er Jahre bis Ende 1984 betrieben. Zu dem Zeitpunkt war die Mine schon mehrere Jahre nicht mehr profitabel und die Stadt hatte bereits die Hälfte ihrer Einwohner verloren.
Mitte 1985 wurde die Stadt aufgegeben und zurückgebaut. Heute kann man nur noch wenige Straßen erahnen und einige Fundamente der Häuser finden.
Einzig der Friedhof und die Hauptstraße bestehen noch heute. Letztere ist jetzt Teil des Highways 389.
Es gibt eine Infotafel in Französisch an einer kleinen Ausfahrt von der Straße.
Hier ist Vorsicht geboten: Der Boden ist sehr sandig und offenbar bleiben regelmäßig Leute stecken.
Lieber an der Straße parken und ein paar Meter zu Fuß gehen.
Es gibt auch ganz in der Nähe einen der großen Parkplätze am Highway an dem man Übernachten kann.
The Eye of Quebec
Schaut man sich Satellitenbilder der Gegend an, sticht ein Merkmal heraus: ein kreisrunder See mit einem Durchmesser von etwa 70 Kilometern, einer Insel in der Mitte und ein Fluss, der nach Süden abfließt.
Offiziell das Manicouagan-Reservoir. Das “Auge von Quebec” ist ein etwa 214 Millionen Jahre alter Meteoritenkrater. Der Einschlag hat ursprünglich einen Krater mit einem Durchmesser von 100 Kilometern geschlagen.
Zum Vergleich: Das Nördlinger Ries hat einen Durchmesser von 24 Kilometern; es ist auch deutlich jünger, nicht einmal 15 Millionen Jahre alt.
Dass der See um die Insel so ausgeprägt ist, hat keinen natürlichen Ursprung. Seit den 1960er Jahren werden der Manicouagan und der Outardes-Fluss zur Stromerzeugung aufgestaut. Das Manicouagan-Reservoir speist den Daniel-Johnson-Damm, besser bekannt unter dem Namen Manic-5.
Als wir hier sind, ist das Wetter nicht einladend. Da wir zudem nicht besonders wassersportbegeistert sind, reizen uns die Kanu-Angebote nicht sehr. Wer aber Lust hat, kann das Auge per Kanu erkunden.
Zweite Schotterstrecke
Der zweite Abschnitt mit unbefestigteren Straßen ist deutlich weniger spannend als der hinter Fermont. Dafür ziemlich lang. Von Relais-Gabriel, einer Tankstelle mit Café, sind es 104 Kilometer bis nach Manic-5. Es ist gut zu fahren; nur ein Problem gibt es: Es hat am Tag vorher geregnet und jetzt sieht der Camper ziemlich verdreckt aus. Kurz vor Manic-5 ist die Straße dann auch wieder befestigt. Über Serpentinen fährt man hinunter zum Fuß des 214 Meter hohen Staudamms und fühlt sich dann sehr klein.
Das Manicouagan-Outardes-Projekt
Nach fünf Jahren Vorbereitung wurde 1960 mit dem Bau der Staudämme am Manicouagan- und am Outardes-Fluss begonnen. Die Dämme Manic-1 bis Manic-5 sollten den Manicouagan aufstauen. Manic-4 wurde nie realisiert; man hatte festgestellt, dass er im Stausee von Manic-3 liegen würde. Der damalige Minister für Wasserwirtschaft setzte, gegen den Willen des damaligen Premiers, durch, dass der Staudamm von einer kanadischen Firma gebaut wird. Wohl auch ein Grund, warum Manic-5 heute den Namen Daniel-Johnson-Staudamm trägt. Alle Staudämme können zusammen 5.500 MW Leistung erzeugen, die Hälfte davon erzeugt Manic-5 alleine. Im Sommer kann man Führungen durch den Manic-5-Staudamm machen. Wir sind etwas zu spät dran. Die Saison endete wenige Tage vorher. Es gibt aber einen Aussichtspunkt südlich vom Staudamm, zu dem man hochfahren kann. Der Ausblick ist super und es gibt viele Infotafeln. Leider darf man hier oben nicht übernachten. Der Staudamm soll nachts noch beeindruckender sein. Der ganze Strom muss natürlich auch irgendwie ins Netz eingespeist werden. Dazu gibt es entlang der Strecke riesige Umspannwerke und Stromtrassen. Elche und Schwarzbären haben anscheinend noch kein Bürgerbegehren angestrebt.
Zurück am Wasser
Auf dem letzten Stück wird die Straße deutlich kurviger. Es geht zwischen unzähligen Seen hindurch. Nach fast 1.000 Kilometern geradliniger Strecke fühlt sich das fast wie Achterbahnfahren an.
Nach vier Tagen und 565 Kilometern auf der 389, davon 171 km unbefestigt, erreichen wir zunächst Manic-1 und wenig später Baie-Comeau, wo der Manicouagan in den St.-Lawrence-Strom mündet. Folgen wir diesem Strom, kommen wir nach Québec City.
Die Strecke durch Quebec war geprägt von Bergbau, Staudämmen, gigantischen Umspannwerken und unzähligen kleinen und großen Seen.
In Baie-Comeau kann man sehr schön an der Promenade im Pioneers Park am Wasser entlang spazieren. Die Promenade ist mit Kunstwerken gesäumt. Das größte Kunstwerk ist eine Gemeinschaftsarbeit.
Hugo Jobin und seine Mutter starteten die Schlange 2024 während seiner Krebsbehandlung. Hugos Ziel war es, die längste Steinschlange Kanadas zu bauen. Die Schlange besteht aus bunt bemalten Kieselsteinen. Kurze Zeit später stieg die gesamte Gemeinde mit ein, und so wuchs die bunte Schlange auf eine Länge von über 26.000 Kieselsteinen an und brach nicht nur den kanadischen, sondern gleich den nordamerikanischen Rekord.
Jetzt werden wir uns Stück für Stück an die am dichtesten besiedelten Regionen Kanadas heranarbeiten: die südlichen Gebiete von Quebec und Ontario.
Fazit
Wer jeden Tag ein neues Event oder Abwechslung beim Fahren sehen will, sollte lieber Nova Scotia, New Brunswick und Prince Edward Island erkunden. Uns hat aber gerade die weite Landschaft und die Abgeschiedenheit fasziniert. Die findet man vor allem zwischen Port Hope Simpson und Labrador City. Auf dem Abschnitt in Quebec ist vergleichsweise viel los, und durch den Bergbau und die Staudämme gibt es unterwegs auch viel zu sehen.